UNTER GENERALVERDACHT - Bürgergeldempfänger*innen
Manche Menschen glauben Bürgergeld mache faul. Man stecke in der Komfortzone und würde sich in die Opferrolle verwickeln. Ganz ehrlich, dann hast DU, der das denkt, noch nie Bürgergeld bezogen und den dort herrschenden, strukturell gewollten Stress erlebt. Dann bist auch Du Opfer der politisch gewollten Stigmatisierung der Bürgergeldempfängerinnen geworden, welche ein weiterer großer Stressfaktor für diese ist. Aber gräme Dich nicht. Es ist nie zu spät Verantwortung für die eigenen Worte und Taten zu übernehmen und beginnt meist mit dem Zuhören von Betroffenen.
Ich habe nach Jahren der Selbstständigkeit und einer Festanstellung, das erste Mal in Krisenzeiten Arbeitslosengeld 1 bekommen. Davor hatte ich während meiner Selbstständigkeit auch ALG2 aka Bürgergeld bezogen. Ohne Bürgergeld hätte ich zum Beispiel 2020 nicht überlebt.
Mein Jahr mit Arbeitslosengeld war nicht nur finanziell stabiler für mich, sondern ich konnte auch die Zeit und Ruhe nutzen um mir nachhaltige Überlegungen für meine nächsten privaten und beruflichen Schritte zu machen. Diese Zeit und Ruhe wurde mir ein paar Jahre vorher mit Bürgergeld nicht gegönnt. Wie viele andere Leistungsempfängerinnen bekomme ich viele Male die "Aufforderungen zur Mitwirkungen", welche sich allesamt so charmant lesen wie die Unterlassungsklage einer aggressiven Anwaltskanzlei. In Schriftstücken und Terminen wurde mir regelmäßig eben jene stigmatisierende Faulheit und Schmarotzertum unterstellt und mir gedroht, dass mir das wenige Geld auch noch gestrichen wird.
Eine Bürgergeldempfängerin muss mehr Finanzen und Dokumente offenlegen und Diskriminierung und Hausbesuche mit Kontrollen der Verhältnisse über sich ergehen lassen als je eine Bänkerin oder Politiker eines jeden Steuerskandals dazu genötigt wurde.
Je nach Stadt und Bezirk gibt es natürlich sehr unterschiedliche verbeamtete Personen und manche sind tatsächlich engelsgleich. Diese Begegnungen geben Hoffnung und Mut. Aber nicht alle sind darin geschult oder haben genügend Zeit und Energie um mit Menschen in Krisen professionell umzugehen und verurteilen und drohen diesen impulsiv. Anstatt diesen Bürgergeldempfängerinnen Chancen aufzuzeigen und Ihnen die Zeit und Unterstützung zu geben, die diese Menschen brauchen um wieder einer Arbeit nachzugehen. Eine oder mehrere Beschäftigung haben die Vielzahl der Leistungsempfängerinnen nämlich. Sei es pflegend Zuhause, bei den Eltern oder einen Minijob, Studium, Ausbildung oder Vereinstätigkeit. Wenn es bei diesen Tätigkeiten Einnahmen gibt, wird fast Alles davon mit dem Bürgergeld verrechnet. Das bedeutet mehr Arbeit und Verantwortung bei gleicher finanzieller Unsicherheit und Angst.
Das "Fordern" in "Fördern" ist weit über das Ziel hinausgeschossen und erzeugt so viel Druck und Angst, dass es nachweislich mehr schadet als hilft. Das ist keine Komfortzone und keine selbst gewählte Opferrolle. Das ist privilegiertes Überleben in einem feindlich-gesinnten System voller Verurteilungen und strukturell gewollter Hindernisse. Dazu können auch noch gesundheitliche und private Probleme kommen, wie z.B. dass die eigene Familie sich für Einen schämt und lieber verurteilt anstatt zu unterstützen. Da bleibt fast keine Energie oder Zeit übrig um wieder Vertrauen zu fassen und sich eine gute Zukunft vorzustellen oder sich aus den vielen Tätigkeiten der eigenen Armutsverwaltung herauszuarbeiten.
Viele solcher Fälle bringen die Betroffenen in prekäre Situationen, welche auch in der Obdachlosigkeit enden können. Um diese Menschen kümmert sich unter Anderem der Verein Sanktionsfrei e.V.. Helena Steinhaus zeigt viele Fälle und auch die von mir hier beschriebenen Effekte und vielfältigen Gründe auf und unterstützt Betroffene. Dabei gibt es klare Lösungsvorschläge, welche ein besseres und förderlicheres System ermöglichen würden. Lest euch dort unbedingt Mal rein, wenn ihr immer noch impulsiv neidisch auf "faule Bürgergeldempfänger" seid, während ihr weiterhin so hart arbeiten müsst.
Wir als als Gesellschaft sollten uns fragen, ob wir uns wegen ein paar Millionen von der Politik gegeneinander aufstacheln lassen oder lieber Milliarden-Forderungen an Konzerne und Superduperreiche stellen.
Habt keine Angst, mit der Erbschaftssteuer nimmt niemand dem Handwerker und Millionär, der mittelständischen Unternehmerin oder der berühmten Schauspieler*in etwas von ihrem hart erarbeiteten Vermögen oder Erbe weg. Nur ein klitzekleiner Prozentsatz unserer Gesellschaft darf dann die eigenen Privilegien und Pflichten mit Verantwortung dazu nutzen, um einen kleinen Teil ihres Superduper-Reichtums in die Staatskassen und hoffentlich auch Sozial-, Gesundheits- und Bildungssysteme fließen zu lassen. Dieser Überreichtum wurde immerhin durch die hart arbeitende Bevölkerung auf Feldern und in Fertigungshallen, in Stahl- und Bergwerken, sowie auf vielen Baustellen und verschwitzten Bürostühlen erst ermöglicht.
Finanzamt ich unterstütze dich. Nimm die Steuer in die Hand!
Das Leben ist ein Fluss der ständigen Veränderung. Verhärtung ist Stillstand und bringt selten positive Veränderung. Also lasst euer Geld und eure Gefühle fließen und lasst uns füreinander einstehen - anstatt unseren kulturell bedingten Impulsen nachzugeben und nach Unten zu treten und einander zu verurteilen.
Gemeinsam sind wir stark. Und ja, das sind WIR!
Ihr seid herzlich eingeladen in den Kommentaren eure eigene Geschichte zu teilen oder zu Einzelpersonen und Organisationen hinzuweisen, welche sich auch für eine demokratische Gesellschaft einsetzen.
#Erfahrungsbericht #Gesellschaft #Werte #Zusammenhalt #Empathie

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